Nähe und Distanz (6/7)

Nähe und Distanz, diesen Titel haben wir im Redaktionsteam für den Gemeindebrief ausgewählt. Auf den folgenden Seiten stellen wir verschiedene Aspekte dieses Themas dar! Viel Freude und vielleicht auch die eine oder andere Anregung beim Lesen!

Jeremia 23,23: Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott der ferne ist?

NÄHE oder DISTANZ zueinander zu gestalten, ist ein wichtiger Bestandteil unseres zwischenmenschlichen Kontakts. Gestaltet werden NÄHE und DISTANZ von uns im Alltag in den unterschiedlichsten Beziehungsmustern, je nachdem, ob ich gerade als Mutter oder Vater, als Kind, als Helfende*r oder im Arbeitskontext mit Kolleg*innen mit meinem Gegenüber in Kontakt trete. Diese Beziehungsmuster sind nicht auf ewig festgeschrieben, sondern unterliegen ständiger Veränderung. Am deutlichsten sieht man die Veränderung von NÄHE und DISTANZ in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern: Als Kleinkind sind wir auf die NÄHE unserer Bezugspersonen angewiesen. Ohne diesen körperlichen und emotionalen Kontakt könnten wir nicht oder nur mit schweren psychischen Schädigungen überleben. Im Jugendalter hingegen benötigen wir eine gewisse DISTANZ zu unseren Bezugspersonen, um uns darin zu erproben, eigene Entscheidungen zu treffen und stückweise Verantwortung zu übernehmen. Kinder im richtigen Moment „auf DISTANZ gehen zu lassen“ ist eine der schwierigsten Aufgaben von Eltern – wenn es gut gelingt, ist der Grundstein für eine lebenslange, innige Beziehung zueinander gelegt.

In der Regel erfahren wir NÄHE als Geborgenheit und Verlässlichkeit und erleben DISTANZ als Abstand vom anderen, um notwendigen Freiraum zu gewinnen. Diese positiven Auswirkungen sind aber nur so lange spürbar, als im zwischenmenschlichen Miteinander NÄHE und DISTANZ in Balance sind und wir selber bestimmen können, wie viel NÄHE bzw. DISTANZ wir gerade brauchen bzw. zulassen können. Zu viel NÄHE führt mitunter zu einem Gefühl der Enge und zu klammernden Beziehungen, zu viel DISTANZ wiederum zum „Sich-aus-den-Augen-verlieren“ und zu einem Gefühl der Gleichgültigkeit und zur Unachtsamkeit. Wenn NÄHE und DISTANZ aus dem Gleichgewicht kommen, bleibt das Gefühl der Sicherheit im Umgang miteinander rasch aus.

Nehmt euch bitte kurz Zeit und haltet fest, was sich in den letzten Wochen durch die Corona-Maßnahmen für euch verändert hat: Noch nie gab es staatliche Vorschriften zu erlaubter NÄHE und vorgeschriebene DISTANZ, die alle in Österreich lebenden Menschen betrafen. Das, was wir über mehr als 6 Wochen zum Schutz unser aller Gesundheit einhalten mussten, hat nachhaltige Folgen auf unser gesellschaftliches und auch privates Miteinander – neben den unermesslichen wirtschaftlichen Folgen und den durch die hohe Arbeitslosigkeit bedingten Existenzsorgen vieler Betroffenen lässt mich die Frage nicht los, wie lange es dauern wird, bis wir einen für uns passenden „neuen“ Umgang mit DISTANZ und NÄHE zu unseren Mitmenschen gefunden haben. Mir persönlich gehen die Umarmungen ab, ebenso die Treffen – egal ob im beruflichen oder privaten Kontext – Skype-Sitzungen und stundenlange Telefonate können den persönlichen Kontakt einfach nicht ersetzen!

Das, was wir in den letzten Wochen durch die Coronakrise alle verspürt haben – nämlich nicht mehr selbst über NÄHE und DISTANZ bestimmen zu können – gehört zum bitteren Alltag vieler geflüchteter Menschen. Das Camp Moria auf Lesbos beherbergt beispielsweise über 22.000 Menschen in einer ursprünglich für 2.840 Personen ausgelegten Anlage. Es herrschen dort katastrophale Zustände: Aktuell steht für jeweils 1.300 Menschen eine einzige Wasserstelle zur Verfügung, die täglich ausgegebenen Essensrationen reichen bei weitem nicht aus und es fehlt an ausreichender medizinischer Behandlung. Vielen Flüchtlingen steht kein Zelt oder ein mit Planen notdürftig abgedeckter Unterschlupf zur Verfügung, sie sind unter freiem Himmel Wind und Wetter ausgeliefert, und das bei jeder Jahreszeit. Unter solchen Lebensumständen stellt sich die Frage von liebevoller, schützender NÄHE oder gewünschter DISTANZ, um ein Minimum an Privatleben oder eigener Entscheidungsfreiheit (wieder) zurückzugewinnen, nicht – es geht nur mehr darum, zu überleben. Rund ein Drittel der Flüchtlinge im Lager von Moria sind Kinder und nach Berichten von Ärzte ohne Grenzen, die vor Ort ihr Möglichstes zur Linderung der Missstände tun, leiden viele der von ihnen behandelten Kinder und Jugendlichen unter Panikattacken, Angstzuständen, aggressiven Gewaltausbrüchen und ständigen Albträumen. NÄHE gibt diesen Menschen nicht mehr das Gefühl von Geborgenheit, vielmehr wird ihnen jeglicher Raum genommen, um sich selbst überhaupt noch wahrzunehmen. Und die DISTANZ zu ihrem Heimatland, aus dem sie aus den unterschiedlichsten Gründen geflohen sind, entpuppt sich nicht als die ersehnte Chance, das eigene Leben besser zu gestalten als es in der Heimat je möglich gewesen wäre – vielmehr sind sie in diesen Flüchtlingslagern ihrer (Über-)Lebenschancen beraubt, räumlich und materiell eingeschränkter als sie es je vorher in ihrem Leben waren. Seit Jahren fordern die vor Ort tätigen NGO ́s – allen voran „Ärzte ohne Grenzen“ – aufgrund der katastrophalen Zustände in diesen Camps mehr Hilfsmaßnahmen, bisher sind sie nur sehr zögerlich angelaufen. Und nicht einmal die aufgrund mangelnder Hygiene hohe Gefahr der Ausbreitung von Covid-19 in diesen Lagern hat bewirkt, dass die EU-Staaten gemeinsam die Verantwortung für das Schicksal der Flüchtlinge in diesen griechischen Camps übernehmen. Und wie nahe geht uns das Schicksal dieser Menschen bzw. wie leicht fällt es uns, sich aufgrund der großen DISTANZ (sowohl räumlich als möglicherweise auch inhaltlich) nicht mit diesen katastrophalen Zuständen auseinanderzusetzen und etwas dagegen zu tun?

Für diejenigen, die „Ärzte ohne Grenzen“ bei ihrer Arbeit im griechischen Flüchtlingslager Moria mit einer Spende unterstützen wollen, steht unser Diakoniekonto zur Verfügung – Verwendungszweck „Flüchtlingslager Moria“.

Edda Böhm-Ingram, Diakoniebeauftragte