[30.03.2025]
Anlässlich der Fastenaktion 2025 wurde u.a. über die konkrete Arbeit von DALETE berichtet. Sie können den Vortrag der Diakoniebeauftragten Dr.in Edda Böhm-Ingram hier jederzeit anhören oder auch die nachstehenden Informationen lesen.
Zum Verständnis von „Armut“ (materielle/immaterielle Armut)
Materielle Armut
- Armut bedeutet für mich, nicht genug von dem zu haben, was man dringend zum Leben braucht:
- Nahrung: Wir leben in einem Land, in dem niemand Hunger leiden müsste. Und doch gibt es in unserer Gesellschaft Menschen, die sich und ihre Familie nicht täglich ausreichend mit Lebensmittel versorgen können. Viele Lebensmittel sind für sie nicht erschwinglich, was zu Mangelernährung und dadurch bedingt zu verstärkter Anfälligkeit von Krankheiten führen kann,
- Kleidung: Zu mir kommen Menschen in die Beratung, die im Winter Sommerschuhe anhaben oder bei Regenwetter mit nassen Füßen in ihren Stoffturnschuhen bei mir sitzen – es ist oft das einzige paar Schuhe, das sie besitzen.
- Wohnung: Angemessener Wohnraum ist für viele Menschen nicht leistbar, weil die Mieten im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen viel zu hoch sind. Ich habe Menschen kennengelernt, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Miete und Betriebskosten ausgeben. Wenn dann unerwartete Ausgaben auf sie zukommen – beispielsweise, wenn der Kühlschrank kaputt geht – müssen sie sich entscheiden, ob die Miete weiterbezahlt oder ein neuer Kühlschrank angeschafft wird. Und werden die Mietrückstände zu groß, dann droht Delogierung und Wohnungsverlust….
- Ausreichende gesundheitliche Versorgung: Auch ein prinzipiell gut funktionierendes Gesundheitssystem kann die gesundheitlichen Folgen von Mangelernährung nicht verhindern. Lebensmittel werden immer teurer, das Geld reicht dann oft nur noch für „billige Lebensmittel“ – Obst und Gemüse zählen da gerade nicht unbedingt dazu. Unregelmäßiges Essen und unausgewogene Ernährung sowie der tägliche Kampf, irgendwie „über die Runden zu kommen“, zehrt an der körperlichen aber auch an der psychischen Gesundheit. Wenn dann lange Krankenstände auch noch dazu führen, dass der Arbeitsplatz verloren geht, wird es schwer, im Leben wieder gut Fuß zu fassen.
Immaterielle Armut
- Teilhabe an der Gesellschaft: Nicht dem Beruf nachgehen zu können, der den eigenen Fähigkeiten entspricht, an vielen Freizeitaktivitäten nicht teilnehmen zu können (Sportveranstaltungen, Kino, Konzert, Theater) nicht mobil zu sein (sich keine Öffi-Tickets oder dort, wo es notwendig ist, kein Auto leisten zu können) und nicht am politischen Leben teilnehmen zu können (z.B. Wahlrecht) führen zum Rückzug und in letzter Konsequenz zu Vereinsamung. Dann ist nicht mehr der tägliche Kampf um’s Überleben im Vordergrund sondern die drängenden Fragen sind:
- Was ist der Sinn in meinem Leben ?
- Was bin denn ich überhaupt noch wert?
- Ich nehme wahr, dass die soziale Ausgrenzung der Menschen, die sich in ihrer Not an uns wenden, für die meisten schwerer zu ertragen ist als die materielle Not, aufgrund der sie uns eigentlich aufsuchen. Soziale Ausgrenzung bedeutet, dass sie nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können und beispielsweise kein Geld dafür da ist, dass sie ihren Kindern irgendwelche „Extras“ gönnen zu können. Soziale Ausgrenzung erfahren aber auch viele kranke, ältere und gebrechliche Menschen, die es dann letztendlich aus eigener Kraft nicht (mehr) schaffen, Kontakt mit anderen Menschen zu halten.
Spannungsfeld zwischen Verwaltung und Bekämpfung von Armut
- Wir leben in einem Sozialstaat, der zur Armutsbekämpfung soziale Sicherheitssysteme eingeführt hat:
- Rente, Arbeitslosenversicherung, Arbeitsmarktprogramme, Sozialhilfe,
Kindergeld und der universelle Zugang zu Gesundheits-Dienstleistungen und Bildung. Aber warum gibt es dann trotzdem so viele Menschen die armutsgefährdet sind bzw. in Armut leben (Beispiele: Mindestrentner:in, Berufstätige im Niedristlohnsegment, psychisch oder körperlich erkrankte Menschen, die von der Invaliditätspension leben müssen und Menschen, die keinen Zugang zu unserem Sozialsystem haben)
- Rente, Arbeitslosenversicherung, Arbeitsmarktprogramme, Sozialhilfe,
- Wir nehmen die ungerechte Verteilung der vorhandenen Mittel in Österreich und somit auch bei uns im Tennengau wahr und versuchen, Schritte zur Bekämpfung von Armut zu setzen. In vielen Bereichen dienen die ergriffenen Maßnahmen aber nur dazu, die Menschen „über Wasser zu halten“. Eine echte Verbesserung ihrer Situation, geschweige denn, dass sie ein Leben wie DU und ICH führen können, erreichen wir durch die derzeit angebotenen Sozialleistungen kaum.
- Es ist „immer zu wenig“ was wir in Österreich und somit auch im Tennengau für einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen tun! Der wichtigste Schritt zu einer besseren Bekämpfung von Armut wäre meines Erachtens, die Verteilung der in unserem Land zur Verfügung stehenden Ressourcen anzusehen und Hilfeleistungen verstärkt in die Richtung „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu lenken.
- Die soziale Sicherheit hat vorrangige Bedeutung im Hinblick auf die Wahrung des sozialen Zusammenhalts, die Prävention gegen prekäre Lebensumstände, Armut und soziale Ungleichheit. Wie weit dienen die derzeit ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut aber auch der Emanzipation des Menschen? Wie weit können sie ein selbstbestimmtes Leben führen, weil ihnen Handlungsspielräume (zurück)gegeben werden und sie Entscheidungsfreiheit (zurück)gewinnen?
Grenzen des eigenen Arbeits-bzw. Verantwortungsbereiches hinsichtlich der Armutsbekämpfung, die Relevanz von Netzwerken und DALETE als Good practice-Beispiel im Tennengau:
Als Evang. Pfarrgemeinde Hallein nehmen wir seit jeher die Not der Menschen in unserem Umfeld wahr und versuchen, sie bestmöglich zu unterstützen. Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass wir nur einen geringen Teil dazu beitragen können, ihre Not zu lindern. Wir sind bei unseren Hilfeleistungen auf das soziale Netzwerk im Tennengau angewiesen und sind Teil dieses Netzwerkes.
Wie tragen wir als Evang. Pfarrgemeinde in Hallein konkret zur Armutsbekämpfung beitragen:
- DALETE
- als Drehscheibe für soziale Anliegen, eingebettet in das Soziale Netzwerk Tennengau
- Zeit-, Sach- und Geldspenden – je nach Anfrage, immer im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen
- Teilhabe an der Gesellschaft – als ersten und für uns wichtigsten und am häufigsten angefragten Punkt, was Hilfeleistungen betrifft:
- Professionell begleitete FW-Arbeit durch die FW-Koordinatorin
- Matching zwischen FW und Menschen, die bei uns um Hilfe anfragen
- Begleitung und Hilfeleistung nur in dem Ausmaß, in dem sie unbedingt erforderlich ist, und immer mit dem Fokus „Hilfe zur Selbsthilfe“!
- Angebot von Seelsorge einerseits und Gespräche zur Abklärung der sozialen Situation inklusive entsprechender Hilfestellung andererseits
- Lebensmittel -> Ausgabe von Lebensmittelgutschein und „Kühlschrank im Pfarrhof“
- Kleidung -> -> konkrete Aufrufe um Sachspenden auf der Homepage unserer Pfarrgemeinde
- Wohnung -> Hilfe bei Wohnungssuche, Ausfüllen von WBH-Anträgen etc., Kontaktaufnahme mit Vermietern, um Delogierung durch das Angebot von Ratenzahlungen zu verhindern aber auch finanzielle Hilfe bei Kautionszahlungen und ausständigen Mieten (z.T. rückzahlbar in Raten)
- Ausreichende gesundheitliche Versorgung – > Hilfe bei Unterstützunganträgen (z.B. Notfallsfonds der ÖGK) sowie Kostenübernahme von Selbstbehalten bei medizinischen Bedarfen
- Teilhabe an der Gesellschaft – als ersten und für uns wichtigsten und am häufigsten angefragten Punkt, was Hilfeleistungen betrifft:
Text erstellt anlässlich des Vortrages am 25. März 2025.